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Allgemeines
Grundsätzlich ist zwischen Neopren- und Trockenbekleidung zu unterscheiden. Egal, wofür man sich entscheidet, wichtig sind:
- guter und fester Sitz, keine Nähte im Schritt
- Verstärkungen am Knie und anderen Scheuerstellen
- Stärke des Kälteschutzes muss von der Temperatur des Gewässers abhängig gemacht werden, nicht von der Lufttemperatur !
- Den Schutz des Kopfes, besonders der Ohren, nicht vergessen ! Schlagartig in die Ohren eindringendes kaltes Wasser verursacht starke Orientierungstörungen bis hin zu Benommenheit und Schock. Auch von plötzlichen Herzstillständen war schon zu lesen (wohlgemerkt mit Kälteschutz!). Arnim P. empfiehlt im Parknplay-Forum, auf kaltem Wasser nicht mit vollem Magen zu paddeln und sich ab und zu das Gesicht naß zu machen: "Ein großes Risiko liegt nämlich beim sogenannten Vagusreflex (auch Tauchreflex genannt): Um den Mund und die Nase liegen Rezeptoren, die auf kaltes Wasser reagieren und auf die wir keinen Einfluss haben. Fällt man in kaltes Wasser, lassen sie die Herzfrequenz und andere Funktionen rapide absinken. In Verbindung mit einem vollen Magen besteht die Möglichkeit, dass das Hirn nicht mehr richtig durchblutet wird, man wird bewusstlos. Mindern lässt sich der Reflex einzig dadurch, dass man die Rezeptoren zwischendurch an die Kälte gewöhnt, deshalb sollte man ... immer zwischendurch das Gesicht nass machen." Näheres zum Tauchreflex ist in den untenstehenden Links zu finden.
Erfahrungen von Marian (übernommen aus den FAQ)
Welche Erfahrungen habt Ihr mit GORE-TEX-Zeug oder ähnlichen Membranfasern gemacht?
Was ist mit richtigen Trockenanzügen?
Was tragt Ihr an Händen, Füßen und Kopf?
Was tragt Ihr als Unterwäsche?
Wie guten isolieren POLARTEC-Faserpelze, wenn sie naß sind?
Zunächst mal ein kleiner Ausflug in meine "Paddler-Sozialisation"(tm): Nach kleinen Touren als Kind auf der Mecklenburger Seenplatte folgten anderthalb Ausflüge in den Kanurennsport und einige Touren in Dänemark und Schweden im Leihcanadier. 1997, mit 21, bekam ich mein erstes eigenes Boot, kurz darauf war ich für zweieinhalb Wochen in den Aland-Inseln unterwegs. Da ich eher aus der Wanderecke kam, trugen Paul (mein Paddelpartner) und ich klassische Wanderkleidung: Goretexjacken (nur bei Kälte / viel Wind), Fleecesachen, Funktionsunterwäsche, nackte Füße (max. Tevas, nur abends im Lager Wanderschuhe). Spätestens während einer mehrere Tage anhaltenden Starkwindperiode stieg ich mittags, spätestens abends mit deutlichen Unterkühlungszeichen aus dem Boot (hatte und habe nicht viel Fett am Körper). Dazu trug v.a. der Wind, die übergenommenen Wellen, die undichte Spritzdecke und der mangelhafte Halsabschluß (durch den ständig Spritzwasser von Wellen und Partnerpaddel eindrang) bei.
Seitdem bin ich ein großer Fan von naß, aber warm, im Gegensatz zu naß, aber kalt/ kühler. Naß wird man also beim Paddeln immer. Ich bin dann zu einem Trockenanzug gewechselt, später kam dann für wärmere Temperaturen ein Neo hinzu. Mit beidem bin ich zufriedener, als nur mit Wanderklamotten.
Disclaimer: ich kann zwar trockene Kälte ausgezeichnet aushalten (und bin ein begeisterter Wintertourer), friere aber auch in wärmerem Wasser sehr schnell.
Zu Goretex et al.: hier kommt es am meisten auf das Trägergewebe und dessen Ausrüstung mit wasserabweisenden Substanzen an. Goretex atmet bis zu 90% weniger, wenn es naß ist. Wenn das Trägergewebe längerfristig Wasser abperlen läßt, wird die Jacke auch weiterhin gut atmen können.
Bei kälteren Temperaturen habe ich mich mit dem Trockenanzug bisher am wohlsten gefühlt. Temperaturregelung betreibe ich grob über die Unterbekleidung (entweder Funktionsunterwäsche oder in letzter Zeit mit 100er Fleece), fein mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen und Handschuhen /Paddelpfötchen.
Der Trockenanzug ist aber für mich v.a. psychische Sicherheit (über diese nur scheinbare Sicherheit bin ich mir im klaren, es wirkt trotzdem sehr gut).
Bisher hatte ich nur folgende Probleme: zweimal hatte ich einen kleineren Wassereinbruch: einmal hatte ich vergessen, den Reißverschluß bis oben zuzuziehen, einmal schien der Reißverschluß im Bereich von 2-3 Zähnen nicht richtig geschlossen zu haben.
Spätestens seit der letzten Tour (mehrere Tage am Darß, Außen- und Innenseite) bin ich auf der Suche nach Socken aus Latex, Goretex oder Neopren, die man an die Füße des Trockenanzugs schweißen kann. Bei winterlichen Touren reicht meine Fußbekleidung (Neosocke *und* Neoschuh) nicht mehr aus: die Füße werden trotzdem kalt und naß, dies wirkt sich nach einiger Zeit wiederum auf die Blase aus ...
Bei einem Yachtausrüster hier in Rostock habe ich bisher nur Latexsocken gefunden, die aber nicht groß genug waren, um sie am Anzug ankleben zu können. Ich bin also für sachdienliche Hinweise ausgesprochen dankbar.
Nochmal zusammengefaßt Hände, Füße, Kopf:
- an den Händen meist Paddelpfötchen aus Neo (ausgezeichnet, auch bei gelegentlicher Wellenübernahme), bei richtiger Kälte Neohandschuhe *und* Pogies.
- an den Füßen im Herbst, Winter, Frühjahr Neosocken (3 mm) mit Neoschuhen (5 mm). Ideal wären m.E. jedoch wasserdichte Socken / Füßlinge, unter die man andere, wärmende Socken ziehen kann.
- auf dem Kopf allermeistens einen Südwester, bei wenig Wind, aber viel Kälte eine Fleecemütze mit Windstopper, bei Wind und Kälte Südwester über der Fleecemütze. Funktioniert fast wunderbar (leider hat der HellyHansen-Südwester eine Einlage aus Baumwolle, die im Herbst überhaupt nicht mehr trocknet ..., in den Staaten habe ich auch Südwester mit Fleeceeinlage gesehen).
Ein britscher Paddel-Guide meinte übrigens, dass er *immer* ohne Handbedeckung paddelt: seine Hände würden einmal kalt, dann wieder warm und blieben den ganzen Tag über warm (er paddelt v.a. Küste). An einem gemeinsamen Paddeltag in der Menai-Strait (zwischen Angelsey und walisischem Festland, starke Tidenströmung, an diesem Tag Regen, 5°, 6-7 Bf.) hat er jedoch gern meine Pogies angenommen ... :-)
Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig warme Finger und Hände in jeder Situation sind: sowohl auf dem Wasser, im Wasser als auch später an Land. Spätestens, wenn man mit klammen Fingern nicht mehr den Reißverschluß aufbekommt oder sein Zelt aufbauen kann, wird's gefährlich.
Zur Isolation von nassem Fleece: wie Jochen schon erwähnt hatte, gibt es solche und solche. Die Fleecehose unter dem Trockenanzug war nach 6-8 Stunden tragen zwar außen naß, aber innen immer noch angenehm. Das Fleecehemd dagegen war v.a. im Ärmelbereich klatschnass (four seasons Activist Pullover).
Ich bin ca. 1994/5 allerdings auch beim Üben von einigen Paddeltechniken im Kanupoloboot zweimal in den Bach gefallen (ca. -3° Luft, ca. +3° Wasser), bekleidet nur mit 200er Fleece. Das Bachufer war jeweils nur 2-3 Meter entfernt, die zweite Kenterung schreibe ich v.a. der mangelnden Konzentration und der beginnenden Unterkühlung zu. Der Kanuclub war zum Glück gleich in der Nähe, unter der Dusche haben meine Füße allerdings erst nach 20, 30 Minuten wieder Gefühl bekommen. Das Fleece war klatschnass und hatte m.E. überhaupt keine Isolationswirkung (kein Wind auf dem Bach).
Kleidung zum Kälteschutz
Neopren
- Neoprenbekleidung bietet zusätzlichen Auftrieb und ist recht preiswert. Beim Kauf unbedingt einen Schnitt für Paddler erfragen, denn hier sind leichte Krümmungen an den Gelenken schon vorgeformt. Taucherneos sind wegen der Materialstärke und/oder dem Schnitt weniger geeignet. Neos für Paddler haben i.d.R. keine Ärmel und sind im Schulterbereich ausreichend weit geschnitten, damit nix in den Achseln reibt, wenn man paddelt.
- Neo ist prinzipbedingt ein "nasser" Kälteschutz, d.h. der Neoprenanzug läuft zwar voll, verhindert aber durch seine Schaumstruktur und dem (hoffentlich) engen Sitz ein Zirkulieren des Wassers, so dass einmal erwärmtes Wasser am Körper bleibt. Leider bringt dies mit sich, dass ein Neo nach längerem Gebrauch erbärmlich müffeln kann. Wie feucht es innen wird, ist aber auch davon abhängig, wie stark man sich anstrengt, also schwitzt. Das kann wenig sein, so dass die Unterwäsche am Abend noch fast trocken ist und nicht unbedingt gewechselt werden muß, aber - nach einer anstrengenden Tour - auch so viel, dass man sich mit Freude aus den Klamotten schält. ;-) Da es ein zweifelhaftes Vergnügen wäre, morgens in einen noch nassen Neo zu steigen, den Neo am Abend nach der Tour besser auf "Links" drehen, gegebenenfalls mit einem Tuch abfrottieren und einfach an einem Ast oder unterm Tarp über Nacht in den Wind hängen und trocknen.
- Im Winter und um den Tragekomfort zu erhöhen, kann man hauchdünne, lange Unterwäsche aus Mikrofasern (Funtionsfasern) unter die Neoprenkleidung ziehen. Ansonsten geschieht die Wärmeregulation durch Kleidung über dem Neo: z.B. lang- oder kurzärmlige Paddeljacke, bei Bedarf unter der Jacke eine oder mehrere Fleeceschichten, evtl. auch eine fest sitzende (Paddel-)Hose (gegebenenfalls mit Hosenträger, falls man schwimmen muß!). Schön ist auch die Möglichkeit, während der Tour, auch auf dem Wasser, Überbekeidung an- und ausziehen zu können. Bei sommerlich warmem Wetter, aber kaltem Wasser (Gebirgsflüsse, Frühjahr) kann man auch jede Unter- und Überbekleidung weglassen und nur Neo und Schwimmweste tragen, quasi schulterfrei paddeln und sich außerdem mit dem Neo im kalten Wasser abkühlen. ;-) Man kann sich also den Wetterbedingungen recht weitgehend, schnell und flexibel anpassen.
Pflege
- nach Benutzung mit Süßwasser ausspülen, nicht in der Sonne trocknen
- luftig und knitterfrei lagern
- gegen anhaltenden Geruch gibt es Spezialreiniger, vor dessen Anwendung sollte man den Neo auf "links" drehen
Trockenkleidung
Material und Schnitt
- Als Stoffe kommen z.B. PVC (nicht atmend, billig) aber auch Goretex und Co. (atmend, teuer) zum Einsatz. Speziell für Paddler bietet sich ein Kompromiss aus PVC-Unterteil und atmungsaktivem Oberteil an, weil der Körperteil unter der Spritzdecke ohnehin kein ausreichendes Dampfdruckgefälle aufbauen kann. Eine solche Kombination ist am einfachsten bei der Verwendung von Trockenjacke und -hose einzusetzen. Problematisch ist hierbei aber die Dichtigkeit des Übergangs zwischen den beiden Kleidungsstücken. Besser ist darum ein Trockenanzug (Ganzkörperanzug), der dafür leider etwas schwierig anzuziehen ist. Beiden ist gemeinsam, dass vor allem der möglichst faltenfreie Sitz in Paddelhaltung gegeben sein muss. Trockenbekleidung für Segler eignet sich darum nur für Canadierfreunde.
- Um die Anziehprozedur zu vereinfachen, schwören viele Paddler auf fest integrierte Füßlinge oder Stiefel an Stelle der Fußmanschetten.
- Ebenfalls ratsam ist ein Frontreißverschluss, diesen kann man auch ohne Hilfe Dritter bedienen.
- Neuralgische Punkte jeder Trockenbekleidung sind die Manschetten an Armen und Beinen. Diese sind aus feinem Latex und entsprechend empfindlich gegenüber Fingernägeln, UV-Licht, sowie Fetten und Ölen. Gegen UV-Licht helfen extra Stoffabdeckungen über den Manschetten, gegen Fingernägel nur Vorsicht und Nagelschere.
Einsatz
- Trockenkleidung hält nur trocken! Der eigentliche Kälteschutz muss erst durch entsprechende Isolationschichten unter der Trockenkleidung gewährleistet werden. Im Gegensatz zum Neo kann man hier mehr mit der Unterbekleidung temperaturabhängig variieren (beim Neo eher mit der Überbekleidung), heißt, bei geringeren Lufttemperaturen zieht man sich drunter dicker an. Umgekehrt, bei hohen Luftemperaturen aber kaltem Wasser, ist diese Möglichkeit jedoch eingeschränkt: Da die Bekleidung unter dem Neo die Isolationsschicht darstellt, die im Kenterungsfall im Eiswasser vor Unterkühlung schützen soll, kann diese nicht beliebig verringert werden, weil der Trockenanzug sonst seinen Zweck nicht erfüllen würde. Manche Paddler empfinden dies problematisch und berichten von Erfahrungen des Überhitzens im Trocki bei hoher Lufttemperatur und zusätzlicher Anstrengung beim Paddeln - außerdem kann dann die Unterbekleidung durch das starke Schwitzen nass werden und nicht mehr isolieren. Doch scheint es da individuelle Unterschiede zu geben, wie dies subjektiv empfunden wird. Das das An- und Ausziehen der Unterbekleidung zur Temperaturanpassung unterwegs ist schließlich auch recht aufwändig. Den "idealen Kälteschutz" gibt es also nicht, jedes Kleidungssytem hat seine Vor- und Nachteile.
- Reißverschlüsse von Trockenkleidung genau überprüfen, gerne vergessen werden beim Zuziehen die letzten Millimeter vor dem Anschlag (sehr schwergängig, Anschlag vom Träger meist nicht einzusehen).
- Nach dem Anziehen unbedingt die Trockenkleidung entlüften. Dazu in die Hocke gehen und die Arme fest vor die Brust pressen, oder aber kurz bis zum Hals ins Wasser gehen und dabei die Halsmanschette etwas lupfen. Horrorgeschichten über kopfüber im Wasser hängende Trockiträger, die wegen zuviel Luft im Anzug keine Schwimmlage erreichen konnten, gehören ins Reich der Fabel. Eigenversuche und Berichte von Udo Beier im Seekajakforum bestätigen dies. Trotzdem muss die Luft aus der Kleidung, denn sonst behindert sie beim Schwimmen und die gewohnte Sitzluke könnte auch plötzlich viel kleiner erscheinen.
Wartung und Pflege
- Manschetten: etwas Schutz gegen Fette (Hautfette, Sonnencremes) bietet die regelmäßige Pflege mit Silikon. Bei Verschleißerscheinungen (Versprödung, Rissbildung) müssen die Manschetten sofort getauscht werden, ansonsten je nach Einsatz und Pflege etwa alle 2- 5 Jahre.
- Reißverschlüsse: sind nur dann wasserdicht, wenn sie nicht geknickt oder verdreht waren oder sind (auch bei Lagerung und Transport). Außerdem sind sie unbedingt von Sand und Dreck freizuhalten. Gepflegt werden sie mit Silikonpaste ("Silikonfett").
- nach Gebrauch: außen mit Süßwasser abspülen, innen feucht auswischen
- Goretexanzüge darf man auch schon mal als Feinwäsche mit Seidenwaschmittel waschen (nur spülen, nicht schleudern !).
- Lagerung: knickfrei, schattig und kühl, das schont die Reißverschlüsse und lässt den Kunststoffen länger ihre Weichmacher
Weblinks
Der DKV-Referent für Küstenkanuwandern, Udo Beier, hat mehrere Artikel zum Kälteschutz verfasst:
- Der Kälteschock, Ausarbeitung von Peer Christoph Sowa vom KCB Bremerhaven (2007)
- Das hochgelobte Aquashell ist als Kälteschutz nur sehr eingeschränkt geeignet, diesbezüglich gibt es einen Thread im Seekajakforum.